Benjamin Brunke
Der Mann und die Greifvögel
Ein Mann streifte einst durch den Wald.
Mit geradem Rücken und dem Herzen voller Hoffnung schritt er dahin.
Sein Herz war frei von Angst vor der Zukunft, sein Kopf frei von Gedanken über die Vergangenheit und sein Bauch fühlte sich warm und leicht an. Er war erfüllt von Dankbarkeit und Freude ob seines ihm geschenkten Lebens, seiner Familie, den vielen guten Menschen, die ihm Vertrauen und Nähe schenkten und seiner täglichen Arbeit, der er fleißig nachging und die er nach langer anstrengender Suche endlich für sich gefunden hatte.
Der Mann beobachtete aufmerksam seine Umgebung und nahm mit all seinen Sinnen den Augenblick wahr. Er betrachtete den Waldboden, voll mit Farnen und Pilzen, die Blätter an den Sträuchern, die in sattem Grün leuchteten und die Bäume in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. Er roch die frische Waldluft, die noch feucht vom Morgentau war und spürte auf seinen Wangen die feinen Sonnenstrahlen, die allmählich das Blätterdach durchdrangen. Ein leichter Wind wehte und der Mann vernahm ein leises Rascheln in der Luft. Er fühlte sich wohl, angesichts seiner eigenen Unbedeutsamkeit.
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Als er so dahinschritt, hörte er plötzlich ein Rauschen vor sich. Er hob den Blick und sah einen Bussard, der eben noch auf einem nahen Ast gesessen haben musste. Der Bussard flog geschickt durch das Gewirr an Ästen und Blättern und ließ sich auf einem etwas weiter entfernten und in größerer Höhe befindenden Ast nieder.
Da begannen die Gedanken des Mannes zu ihm zu sprechen. Sie erzählten ihm, dass er, solange sie sich zurück erinnern konnten, von Greifvögeln fasziniert gewesen war. Er hatte in ihrer Nähe stets eine große Ehrfurcht gespürt und er hatte als Kind Bücher studiert, die Bilder der Umrisse der unterschiedlichen Vögel im Flug zeigten, anhand derer man sie unterscheiden und erkennen konnte.
Voller Neugier ging der Mann dem Bussard nach, um ihn besser betrachten zu können. Doch als er ihm näher kam, stieg dieser abermals in die Lüfte und flog ganz davon, bis der Mann ihn nicht mehr sehen konnte.
Eine sanfte Traurigkeit stieg in dem Mann auf und er fragte seine Gedanken, was ihn beim Anblick eines so schönen Geschöpfes wohl traurig werden ließ.
Da erinnerten ihn seine Gedanken an seine Kindheit, als er ein kleiner Junge gewesen war.
Als Kind, so sprachen die Gedanken, warst du wohl ganz ähnlich wie ein Bussard. Immer wenn dir ein anderer Mensch zu nahe gekommen ist, bist du schnell weg gelaufen. Innerlich wie äußerlich hast du dich an ferne und geheime Orte zurück gezogen, an die nur du gelangen konntest. Aus Vorsicht und aus Angst, da Nähe stets die Gefahr bedeutete, verletzt zu werden. Diese Angst hat als ständiger Begleiter tief in deinem Bauch als fester kalter Stein stets darauf gewartet, sich zu zeigen. Angst vor einer düsteren Welt und den in ihr lebenden Menschen, die dir stets bedrohlich und gefährlich erschienen. Da fragte der Mann seine Gedanken, ob es denn niemand gegeben hätte, bei dem er sich in Sicherheit gefühlt habe. Doch noch bevor seine Gedanken antworten konnten spürte er die Antwort bereits in seiner Traurigkeit und er bat seine Gedanken, lieber nicht auf diese Frage zu antworten und stattdessen einfach weiter zu erzählen.
Prägend für deine Angst vor Nähe, so erzählten die Gedanken, mag die frühe Trennung und der tiefe Streit deiner Eltern gewesen sein, die selbst aufgrund ihrer Geschichten kaum fähig waren, sich selbst und ihr Handeln zu verstehen. Geschichten voller Schuld und Scham. Voller Gewalt, Verboten und Dingen, über die man nicht sprechen durfte, führten zu einer lauten Kindheit voller Streit, Zorn und Ungewissheit. Ständig voller Angst vor der nächsten tiefen Verletzung und Missachtung. Eine Kindheit in innerer Zerrissenheit, mit einer ungestillten Sehnsucht nach dem Vater, die letztlich nur mit Verachtung gefüllt werden konnte. Denn Abwertung und Hass ist leichter zu ertragen, als tiefe ungestillte Sehnsucht.
Die innere Zerrissenheit und den Hass hast du dann letzlich auf dich selbst bezogen und dich für deine Angst geschämt, wie das Kinder eben so machen. Sie geben sich selbst die Schuld an den Umständen, in denen sie aufwachsen und fühlen sich irgendwie nicht richtig, sondern falsch und das kann dann nur bedeuten, dass man in dem wie man ist, nicht liebenswert ist.
Da spürte der Mann, dass er in dieser Zeit tiefe Verletzungen erfahren hatte und es zu einem Bruch in seiner zarten Männlichkeit gekommen war, die er darauf hin aus Scham tief in sich selbst vergraben hatte. Bis er selbst nicht mehr wusste, wo sie war.
Nun verstand er sein Gefühl der Traurigkeit und er weinte still um diesen kleinen Jungen voller Angst und Einsamkeit.
Doch auf einmal verschwand die Traurigkeit und er spürte von seinem Herzen ausgehend ein warmes Gefühl in seiner Brust aufsteigen. Er spürte Gewissheit, die ihn daran erinnerte, dass er seine Männlichkeit letztlich nach einer großen Suche und einem harten Kampf doch wieder gefunden hatte. Um ihr einen Platz in seinem Herzen zu schenken und er sie dort nun immer mit sich trug.
Ein Lächeln huschte über die Lippen des Mannes und er spürte tief in seiner Brust sein Herz schlagen. Ruhig und kraftvoll schlug es den Rhytmus seines Lebens und er empfand Stolz für diesen kleinen Jungen, der damals ganz genau gewusst hatte, was getan werden musste. So wie Kinder das immer wissen. Er hatte die bedrohte Männlichkeit nicht für immer vergraben, sondern bloß gut versteckt, damit sie niemand mehr finden konnte, um sie ihm ganz wegzunehmen.
Er dankte seinen Gedanken für diese Erinnerungen und bat sie nun wieder zu schweigen, damit er die Welt unmittelbar wahrnehmen konnte.
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Voller Freude ging der Mann weiter. Er verließ den Wald und durchschritt weitläufige Wiesen voller Blumen und Insekten. Die Sonne schien auf das Haupt des Mannes und wärmte ihn. Er spürte, wie sich die Wärme des Lichts mit seiner Freude verband und er schloss die Augen und genoss den Augenblick, der sich von der Zeit löste und für einen kurzen Moment in grenzenloser Unendlichkeit verweilte.
Als er seine Augen wieder öffnete, entdeckte er einen Turmfalke über einer Wiese in der Luf. Mit schnellem Flügelschlag, unbeeindruckt von der Anwesenheit des Mannes, beobachtete dieser den Grund unter sich. Ohne sich vor oder zurück zu bewegen, stand er scheinbar ruhig in der Luft. Jedoch mit hektischen Bewegungen und schnellem Flügelschlag, um seine Position zu halten. Neugierig näherte sich der Mann dem Falken und wunderte sich, wie viel Energie dieser aufbringen konnte, um auf diese Art und Weise still die Welt zu beobachten.
Wieder stieg eine sanfte Traurigkeit in dem Mann empor und er fragte seine Gedanken abermals, was ihn wohl traurig werden ließ, angesichts eines so schönen Geschöpfes.
Da erinnerten ihn seine Gedanken an seine Jugend, als er kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann gewesen war.
Als Jugendlicher, so sprachen die Gedanken, warst du wohl ganz ähnlich wie ein Turmfalke. In der Luft stehend, sodass dich vom Grund aus möglichst niemand bemerkte. Hektisch mit den Flügeln schlagend, um deine Position zu halten. Du lebtest in einer Distanz, die dich vor der dich ängstigenden und dir fremd erscheinenden Welt schützen sollte. Einer Welt, die du einfach nicht mehr an dich herangelassen hast. Abgeschnitten von allen Empfindungen, denn wer die Angst und die Traurigkeit ausschließt, der verschließt auch die Tür für die Freude. Kein kalter Stein mehr im Bauch und die Depression lediglich als lästiger Begleiter, mit jugendlicher Rationalität begründet, durch die Brutalität der Welt, der man als vernunftbegabter Mensch nur mit Depression und Selbstverletzung begegnen konnte. Eingebettet inmitten rauschhafter Phasen, die vergessen lassen, wie wirklich fühlen geht und die die gnadenvolle Illusion eines glückseeligen und intensiven Lebens voller Leidenschaft vorgaukeln. Begleitet von der Sucht, die endlich einen Sinn zu leben gibt und die Einsamkeit immer wider vertreibt. Immer auf der Suche nach Dingen, die die Wut erklären, die sich nie ganz unterdrücken lässt und unerkärlich nach Erklärung sucht. Eine Wut, die sich gegen alles richtete, was dich kontrollierte.
Eine verzweifelte Jugend, zwischen Rausch und Depression, immer auf der Suche nach der nächsten Sehnsucht, die dich Ekstase und Leidenschaft verspüren lässt. Stets auf der Flucht vor den Tälern voller Angst, Zweifel, Scham und Selbstverachtung und nicht zuletzt auch dem Gedanken, dass das alles endgültig zu beenden möglicherweise die bessere Wahl wäre, als die des weiter machens.
Als Jugendlicher, so sprachen die Gedanken des Mannes, hast du die Angst und die Zerrissenheit mit Wut gefüllt. Wie das Jugendliche eben so machen. Wenn sich niemand um sie und ihre starken Gefühle kümmert, kümmern sie sich um sich selbst, obwohl sie das nicht sollten und eigentlich auch noch gar nicht können.
Da spürte der Mann, dass er in dieser Zeit tiefe Verletzungen erfahren hatte und es zu einem Bruch in seiner Menschlichkeit gekommen war, die er daraufhin verleugnet hatte, bis er nicht mehr wusste, was Menschlichkeit eigentlich bedeutete.
Nun verstand er sein Gefühl der Traurigkeit und er weinte still um diesen Jugendlichen voller Wut, Verzweiflung und Einsamkeit.
Doch auf einem mal verschwand die Traurigkeit und er spürte von seinem Herzen ausgehend ein warmes Gefühl in seiner Brust aufsteigen. Er spürte mit Gewissheit, dass er trotz dieser Schwierigkeiten die Bedeutung seiner Menschlichkeit nach langer Suche und großem Kampf letztendliche wieder frei gelassen hatte und zu einem Mann geworden war, der richtig und falsch in ihrem Sinne unterscheiden konnte.
Wieder spürte er sein Herz schlagen. Voller Kraft und im ruhigen Rhytmus seines Lebens. Er verspürte Stolz auf diesen Jugendlichen, der nie aufgegeben hatte, der sich durchgekämpft hatte, der sich nicht hatte klein kriegen lassen und der schon so früh erkannt und verstanden hatte, dass sein Lebensweg keiner sein konnte, in den ihn die Erwachsenen zwingen wollten, sondern ein ganz anderer und eigener sein musste.
Er dankte seinen Gedanken für diese Erinnerungen und bat sie nun wieder zu schweigen, damit er die Welt unmittelbar wahrnehmen konnte.
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Voller Freude und ganz vom Augenblick beseelt schritt der Mann weiter.
Er verließ die Wiesen und gelangte auf weitläufige Felder und Ackerflächen, voll abgeerntetem Getreide und Mais. Er sog die von Pflanzendurft satte Luft in vollen und tiefen Zügen in sich auf. Er konnte die Ackerfrüchte auf seiner Zunge schmecken und fühlte sich ganz eins mit Mutter Natur, die den Menschen zu essen gab und sich um sie sorgte.
Als er seinen Blick über die Felder schweifen ließ, entdeckte er einen schwarzen Milan, der auf einer Ackerfurche saß und hinab zu seinen Krallen blickte. Der Mann konnte nicht erkennen, ob der schwarze Milan Beute gefangen hatte oder einfach nur dort saß.
Abermals stieg eine sanfte Traurigkeit in dem Mann empor und wieder fragte er seine Gedanken, was ihn wohl traurig werden ließ, angesichts eines so wundervollen Geschöpfes.
Da erinnerten ihn seine Gedanken an die Zeit, als er ein junger Mann gewesen war.
Als junger Mann, so sprachen die Gedanken, warst du wohl ganz ähnlich wie dieser schwarze Milan auf dem zerklüfteten Feld. Auf einem kargen Boden sitzend, der so weit reicht, dass das Ende mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Du hast dich in einem erbitterten Kampf befunden, um nicht ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren und dich der Wut, der Selbstverachhtungs und dem Nihilismus hinzugeben, Halt hast du schließlich dort gefunden, wo ihn so viele finden, deren Verletzungen einfach nicht schweigen wollen. In der Anmaßung des Helfers, der so nah am Schmerz der Welt und andrer Menschen ist, dass er den eigenen Schmerz nicht mehr spüren muss. Weil er ihn vergleichen kann mit Schicksalen, die doch noch viel schlimmer sind als seins und ihm somit das Recht nehmen, selbst verletzt zu sein. Die den Schmerz zur moralischen Schuld machen, die scheinbar abgetragen werden kann.
Du hast mich beschäftigt, so sprachen die Gedanken, mit Geschichten, die mir erklärten wer Schuld trägt an der Misere und der Ungerechtigkeit der Welt und dieser Wut in dir, die einfach nicht verschwinden wollte. Geschichten voller Erklärungen für die Düsterkeit der Welt, die überall gesucht und gefunden werden, aber nur ganz selten in der Verantwortung des einzelnen Menschen für sich selbst.
In der Gesellschaft und in der Armut. In den falschen Ideen und im Patriachat oder ganz einfach den Männern als böses Geschlecht, das sich nicht einmal Geschlecht nennen darf, da es lediglich ein Konstrukt der Herrschaft ist. Projektionsflächen, die du bekämpfen konntest. Endlich ein Gegner der du nicht selbst warst, Die anderen, ihre falschen Ideen und ihre Bösartigkeit, die Hass und Wut verdienten und mit diesen bekämpft werden konnten. Nun schwankend zwischen Selbstmitleid und Wut, aber immer noch voller Einsamkeit, die auch die Intellektualität und das Helfen nie wirklich verdrängen konnten.
Da spürte der Mann, dass er sich in dieser Zeit immer weiter selbst verletzt hatte. Indem er sich geweigert hatte erwachsen zu werden und auf seiner Flucht vor Erkenntnis immer schneller gerannt war, um anderen die Schuld für seinen Hass zu geben und die Verantwortung für sich zu verdrängen.
Jetzt verstand der Mann sein Gefühl der Traurigkeit und er weinte still, um diesen jungen Mann voll Wut, voll Selbstmitleid und Einsamkeit.
Als der Mann still weinte und darauf wartete, dass sein Herz wieder zu schlagen begann und somit die Traurigkeit vertrieb, zog plötzlich eine Bewegung auf dem Feld seine Aufmerksamkeit auf sich. Der schwarze Milan breitete seine Schwingen aus, stieg langsam und scheinbar unter großer Mühe in die Lüfte und ließ sich auf einem Strauch in unmittelbarer Nähe nieder.
Da mischte sich in die Traurigkeit des Mannes ein kleines rotes Glühen, dass sich langsam seinen Weg in die Brust des Mannes bahnte und dort mit der Traurigkeit rang. Der Mann wunderte sich ob dieses Kampfes in seiner Brust und wollte schon seine Gedanken fragen, was dies zu bedeuten habe, als Gewissheit in ihm aufstieg und er sofort wusste, wann er dieses kleine rote Glühen das erste mal gespürt hatte.
Als junger Mann, so ließ ihn das Glühen wissen, wurdest du drei mal Vater.
Für dich unerwartet, geschah dies doch zu einer Zeit, in der du auf die Frage, ob du einmal Kinder haben wolltest, ungläubig und voller Verachtung für den Fragesteller antwortetest, dass die Welt doch ein viel zu schlimmer und schlechter Ort sei, um Kinder in sie zu setzen und damit doch schwere Schuld verbunden sei.
Als du das erste mal eines deiner Kinder im Arm gehalten hast, die dir das Leben auf so wundersame Weise schenkte, hat dir dieses winzige Geschöpf voll unendlicher Vollkommenheit Emfindungen geschenkt, die dir bis dahin schlichtweg unbekannt gewesen waren. Wärme, eine vollkommene innere Ruhe und Sinnhaftigkeit, ganz ohne darüber nachzudenken. Etwas, dass tiefer und wahrer war, als deine Gedanken jemals sein konnten, die bislang dein ganzes Leben dargestellt und sich nicht selten sogar als Gefühle verkleidet hatten.
Du wusstest damals so klar wie nie zuvor, dass deine einzige wirkliche Aufgabe im Leben darin bestand, diese Geschöpfe zu beschützen und dass du dich grundlegend geirrt haben musstest. Denn wenn die Welt so etwas hervorbringen konnte, dann konnte sie gar nicht schlecht sein, sondern musste voller Güte und Wahrhaftigkeit stecken. Du konntest dies bisher lediglich nicht sehen und Menschen die das nicht sehen können, erschaffen mit ihrer Wut eben selbst eine schlechte Welt, so wie das die Menschen eben so machen. Es öffnete dir den Blick auf das Wahre, Schöne und Gute und stellte so deine Pforte zum wirklichen Leben dar, die sich seitdem nie wieder geschlossen hat.
Doch das kleine rote Glühen und mit ihm die tiefe Seeligkeit verschwanden plötzlich wieder und wurden von einem dunklen Schatten verhüllt, der das Licht fast vollständig aufsaugte. Denn neben aller Liebe wusste der Mann mit Gewissheit, dass er somit seine Kinder in seiner narzisstischen Selbstsucht auch zum Objekt seiner eigenen Bedürfnisse gemacht und ihnen somit seine Verletzungen weiter gegeben hatte. Die Frau, die ihm die Kinder geschenkt hatte, hatte er zudem noch verlassen und hatte so seinen Kindern das angetan, was einst seine Eltern ihm angetan hatten. Er war zu schwach gewesen, um die an ihn gestellte Aufgabe mit wirklicher Verantwortung zu tragen.
Zu sehr hatten ihn die Verletzungen über die Jahre hinweg von innen her aufgefressen.
Zu tief waren die Wunden der Vergangenheit und zu wenig hatte er sich um sie und deren Heilung gekümmert.
Plötzlich ein Vater, aber eigentlich selbst noch ein Kind voller Angst, voller Wut und voller Einsamkeit.
Diesmal stieg keine Freude in dem Mann auf.
Da der Schmerz und die Schuld für die Taten in der noch so nahen Vergangenheit zu groß schienen, als dass er sie hätte abschütteln dürfen und seine Gedanken erklärten ihm, plötzlich wieder laut und voller Vorwürfe und anklagender Schuld, dass dies der Tiefpunkt seines Lebens voller Tiefpunkte gewesen sei und wie schön sein Leben hätte sein können, wenn er nicht immer wieder diese schlimmen Fehler begehen würde. Da begannen dem Mann Tränen über die Wangen zu laufen und er weinte laut um diesen jungen Mann voller Sehnsucht, voller Liebe, voller Wut und voller Einsamkeit.
Unbehagen und Scham besetzten den Geist des Mannes und da diese ihn zu erdrücken drohten, sank er in seiner Verzweiflung auf die Knie, hob den Blick gen Himmel und wollte schon Gott anflehen und um Vergebung für sein Scheitern bitten.
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Da entdeckte er durch den Schleier seiner Tränen einen roten Milan, der über ihm kreiste. Ruhig und majestätisch durchschnitt dieser die Lüfte. Ohne mit den Flügeln zu schlagen, zog er im Aufwind seine Kreise. Mal blickte er zu Boden auf den Mann, mal ließ er sich einfach treiben. Man konnte sehen, dass der Wind an seinen Flügeln zerrte, doch mit geschickten Bewegungen gelang es ihm, in fließender Anmut mit dem Wind im vollständigen Einklang zu sein.
Da verschwanden der Schmerz und die Schuldgefühle so schnell wie sie gekommen waren und eine innere Ruhe breitete sich in dem Mann aus, die seine Gedanken, die nun wieder schwiegen, im Nahhinein als vollkommenen inneren Frieden beschreiben würden. Ihn überkamen Dankbarkeit und Demut angesichts der Größe der Schöpfung und seines eigenen kleinen Seins, der Unbedeutsamkeit seiner Gedanken und seiner Gefühle.
Als Mann, so wusste sein Herz, bin ich wohl wie ein roter Milan. Ich betrachte abwechselnd die Welt und mich selbst und habe verstanden, dass ich die Ruhe und Zufriedenheit, nach der ich mich sehne, nur in mir selbst und nicht draußen in der Welt oder bei anderen Menschen finden kann. Ich habe mir selbst und anderen vergeben und verziehen und habe dieses Geschenk ebenso von anderen erhalten. Ich habe so verstanden, dass es Schuld, so wie wir Menschen sie deuten, gar nicht gibt, sondern nur Verantwortung. Ich habe den Tiefpunkt meines Lebens, den wohl jeder Mann durchschreiten muss, genutzt und habe in ihm meine größte Verletzung gefunden. Ich habe gelernt sie zu spüren, zu ertragen und so selbst zu heilen, weil man das nur selbst und niemand anderes für einen tun kann. Ich habe Verantwortung für mich und andere übernommen und lasse mich nun von meinem Schicksal tragen, wie der rote Milan vom Wind. Voller Vertrauen in mich selbst und die Welt, möge sie auch noch so stürmisch und unruhig sein. Ja, der Sturm gibt mir noch mehr Kraft, so zu sein, wie ich eben bin, Versuchungen zu widerstehen und Ablehnung von jenen Menschen zu ertragen, die noch Bussarde, Falken oder schwarze Milane sind.
Und die Gewissheit ließ ihn spüren, dass er für immer stark genug sein würde, um in dieser Welt als Mensch und als Mann zu bestehen. Er sah nicht länger nur das Schlechte, sondern die Welt, wie sie wirklich war. Er wusste, dass sie voller Liebe steckte, die so viel größer war als alles andere, dass er sich für sie entschieden hatte und diese ihm jeden Tag neue Kraft gab. Stolz und Freude füllten seine Brust und schenkten seiner Verletzung ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen durfte.
Er verzieh seinen Gedanken die Vorwürfe und dankte dem roten Milan und der Kraft, die diesen erschaffen hatte, dass sie da waren.
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Voller Staunen und Dankbarkeit für diese Wanderung und seine Erlebnisse setzte er seinen Weg fort. Er schritt weiter über die Felder und dankte der Kraft allen Lebens, dass er ein Teil von ihr sein durfte. Er freute sich schon darauf, zu Hause davon zu erzählen und beschleunigte seine Schritte.
Als er sich dem Dorfrand näherte, sah er zwei alte Leute, die vor seinem Haus standen. Rücken an Rücken, den Blick voneinander abgewandt und den Blick auf den Boden gerichtet, standen diese schweigend da. Als er ihnen näher kam bemerkte er, dass die zwei alten Leute, eine Frau und ein Mann, sehr traurig aussahen und beide still weinten.
Als er bei ihnen angelangt war begrüßte er sie und fragte, warum sie traurig seien und weinten.
Da antworteten die beiden alten Leute ihm gleichzeitig:
Wir haben vor langer Zeit unser Kind an die Greifvögel verloren.
Weil wir von unseren eigenen Geschichten und Verletzungen abgelenkt waren, konnten wir nicht auf es aufpassen. Da haben es sich die Greifvögel geholt und mitgenommen, um es zu fressen. Wir haben versagt. Wir fühlen uns schuldig und schämen uns aufgrund unserer Unachtsamkeit.
Da lächelte der Mann, denn er wusste mit Gewissheit, dass er diesen Menschen nun nach seiner Wanderung helfen konnte. Er nahm die beiden alten Leute bei der Hand. Den Mann an seine Linke und die Frau an seine Rechte und sprach: Kommt mit und seid nicht traurig. Euer Kind ist nicht verloren. Die Greifvögel sind meine Freunde und sie entführen die Kinder nicht, um sie zu fressen. Sie beschützen sie, wenn ihre Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Ich habe euer Kind vor einiger Zeit bei meinen Freunden gefunden und mit zu mir nach Hause genommen. Ich habe es Gewissheit genannt. Manchmal ist es traurig, so wie das bei den Menschen nunmal so ist, doch zumeist ist es fröhlich und es genießt sein Dasein.
Es hat euch längst verziehen und es freut sich bestimmt sehr, euch gleich endlich wieder zu sehen.
Und die alten Menschen, deren Hände sich durch die Wärme der Handflächen des Mannes gut und voll anfühlten, begannen ebenfalls zu lächeln. Erst schüchtern und noch unsicher blickend, bis sich das Lächeln über ihr ganzes Gesicht ausbreitete und ihre Augen voll Zuversicht zu strahlen begannen. Sie schritten mit dem Mann durch die Türe seines Hauses, um ihr Kind nach so langer Zeit endlich wieder in die Arme zu schließen und sich selbst zu vergeben.
Ende
